Kapitel 52: Die Ruhe vor dem Sturm (Teil 1)

Einen Tag später, bespitzelten die Marine-Spione, wie Talea immer mal wieder Kisten und Koffer auf die RedForce schleppte, während die restlichen Piraten damit beschäftigt waren, das Schiff seetauglich zu machen. “Scheint so, als würde Talea Battersby tatsächlich die Insel verlassen.”, murmelte ein in zivil gekleideter Soldat vor sich hin, als er dies im Hafen beobachtet.

Der Klatsch und Tratsch aus der Stadt, war bis zum Korvettenkapitän vorgedrungen und gespannt wartete er darauf, was die Soldaten zu berichten hatten. Als die Sonne unterging und die ausgesandten Späher berichteten, wie die Grünhaarige ihr Hab und Gut aufs Schiff brachte, schmuggelten Shanks Leute die wenigen tatsächlichen Sachen von Talea wieder von Bord. Dabei grinsten die Piraten vor sich hin, denn eins war sicher: So schön wurde die Marine noch nie von ihnen ausgetrickst.

Der darauf folgende Tag lies ebenfalls erahnen, dass die Grünhaarige die Insel verlassen würde. Die Dorfbewohner kamen vereinzelt oder in kleinen Grüppchen an den Hafen, wo sie Talea in feste Umarmungen schlossen, rührende Abschiedsworte tauschten und kleine Geschenke übergaben. Immer wieder zückte Talea ein Taschentuch um die Tränen ab zu wischen, fühlte es sich doch sehr real an, die Insel zu verlassen.

Auch an diesem Abend setzten die Soldaten ihren Vorgesetzen von allen Vorkommnissen in Kenntnis. “Nun, wäre uns der Rothaar nicht vor drei Tagen dazwischen gefunkt, wären wir schon längst mit der Zielperson auf dem Rückweg zu unserer Basis. Jetzt müssen wir sehen, wie wir die Feuerblume erwischen. Der Befehl von Großadmiral Sakazuki ist eindeutig. Sie darf die Grandline nicht wieder betreten, sonst muss ihr Steckbrief wieder aktiviert werden und das wäre eine große Schande für die Marine.”, bläute der Korvettenkapitän seinen Männern ein. “Heißt das, Sir, wir werden sie auf See verfolgen und angreifen?”, fragte einer der Soldaten und salutierte sogleich, als der Blick des Korvettenkapitäns ihn streifte. “Ja, Soldat, das heißt es. Wir werden den Roten Shanks auf offenem Meer angreifen, damit wir Feuerblume Talea in unsere Gewalt bringen können.”, bestätigte der Korvettenkapitän durch zusammen gebissene Zähne, passte ihm die Entwicklung der Geschehnisse überhaupt nicht. Aber Befehl war nun mal Befehl.

“Käpt´n, Käpt´n!”, kam ein Soldat in den Besprechungsraum gestürzt und beugte sich keuchend vorne über. “WAS?”, fragte der Korvettenkapitän genervt. “Die Rothaar-Piraten…. Sie legen ab!” 

Wo sonst eine strikte Routine herrschte, liefen die Soldaten jetzt kopflos durcheinander. Die Frage, warum die Piraten jetzt schon ablegten und nicht erst am nächsten Tag, kam genauso auf, wie das “Was machen wir denn jetzt, Sir?” “RUHE!”, donnerte da des Korvettenkapitäns Stimme durch den Raum und jeder blieb wie angewurzelt an seinem Platz stehen. “Die Piraten mögen uns etwas ausgetrickst haben, aber unser Schiff ist für die Abfahrt vorbereitet. Wer in einer viertel Stunde nicht an Bord ist, wird zurück gelassen! Und jetzt hopp hopp hopp!” Und schon setzten sich die Soldaten wieder in Bewegung, jetzt allerdings geordneter.

An dem kleinen Hafen des Windmühlendorfes standen die Bewohner und sie winkten zum Abschied. “Gute Reise!”, “Vergiss uns nicht!”, “Kommt uns bald mal wieder besuchen!”, dies waren nur einige der Rufe, die die RedForce auf ihrem Weg ins offene Meer begleiteten.

Lucky Lou und Yasopp standen neben Talea an der Reling und fingen an, ein Lied zu summen. “Das kenn ich. Es ist fast so bekannt wie Binks Sake.”, freute sich Talea und mit leicht zittriger Stimme setzte sie mit ein, während sie ebenfalls winkte.

“Aloha ʻoe, aloha ʻoe

E ke onaona noho i ka lipo

One fond embrace,

A hoʻi aʻe au

Until we meet again”     

*

Mit jeder Silbe, die Taleas Mund verließ, wurde ihre Stimme stärker und die Worte wehten mit dem Wind über das Meer, auf dem sie davon getragen wurde. Dann jedoch dichtetet die Grünhaarige die Strophe einfach mal um.

“Aloha oe, aloha oe

Eine liebevolle Erinn’rung in mei’m Herzen

Bis wir uns wiederseh’n

A hoʻi aʻe au

Meine Heimat bleibt die See”

Verlegen wischte sich Yasopp über die Augen, hatte ihn der Text doch unglaublich gerührt und als er sich wieder einigermaßen gefangen hatte, schlug er Talea kräftig auf den Rücken. “Schade, dass du nicht bei uns bleibst, du hättest gut in unser Gruppe gepasst.” “Danke, für das Angebot, aber nein Danke. Ich bin froh, wenn ich gleich wieder auf der Insel bin und meine Tochter in den Arm schließen kann.”, schlug Talea das Angebot aus.

“Auch wenn es Yasopp nicht zusteht, neue Crewmitglieder anzuwerben, so hätte ich in diesem Fall nichts dagegen gehabt.”, mischte sich Shanks ein, der soeben aus seiner Kajüte kam, hatte er noch ein wichtiges Ferngespräch zu führen gehabt. “Falls du es dir irgendwann einmal anders überlegen solltest, Makino hat meine Nummer. Scheu dich nicht anzurufen, wenn du etwas brauchst.”

Der rührselige Abschied wurde jedoch unterbrochen. “Chef, die Marine hat soeben abgelegt und sie segeln voll im Wind.”, kam es von  Rockstar, der den Ausguck des Schiffes besetzt hatte. “Wie lange, bis sie auf gleicher Höhe sind?”, übernahm Shanks auch sogleich das Kommando und zeigte somit einmal mehr, dass er dem Titel eines Yonkos tatsächlich würdig war. “Wird ne knappe Sache, Chef. Wenn wir um die Klippe rum sind, höchstens ne Minute, außer wir setzen uns ebenfalls noch n bisschen in Wind.”, teilte Rockstar mit und deutete auf das offene Meer hinaus. “Weiter raus können wir nicht, wie müssen so nah an der Klippe vorbei, wie nur möglich. Talea, bist du bereit uns zu verlassen?”, fragte Shanks und trotz des Abschiedes lag ein warmer Ausdruck in seinen Augen.

Da sich ein großer Kloß in Taleas Hals gebildet hatte, nickte sie nur und fiel Shanks danach um den Hals. “Schon okay, Kleines. Du hast viel durchgemacht und jetzt wird alles gut. Außerdem werden wir uns wieder sehen.”,  flüsterte Shanks und er küsste die Stirn von Talea.

“Klippe voraus!  Wir haben n Zeitfenster von ner halben Minute, bis die Marine uns wieder sieht!”, tönte Rockstar, was Talea dazu veranlasste, sich zu den Piraten umzudrehen. “Danke. Danke, dass ihr mir ein freies Leben ermöglicht.”, lächelte sie mit Tränen in den Augen. “Dafür sind Freunde doch da.”, “Pass auf dich auf.”, “Machs gut.”  und “Meld dich mal.”, verabschiedeten sie Lou, Yasopp, Ben und Shanks. Und während Talea so nah wie möglich an die Reling trat, bildete sich um sie herum ein kaum merklich blau-grün schimmernde Kuppel, die bis zu dem Gestein reichte und mit einem Blinzeln war sie und die schimmernde Kuppel verschwunden, dafür lag ein blauer, funkelnder Stein an der Stelle, wo eben noch Talea gestanden hatte. “Bringt das Schiff hinaus aufs Meer und lasst uns ein bisschen mit der Marine spielen!”, gab Shanks den Befehl als er sich nach dem blauen Stein bückte.

“Hu? Ein Lapislazuli?”, stellte Ben überrascht fest, nachdem Shanks ihm den Stein zeigte. Und während die RedForce nun ebenfalls volle Fahrt aufnahm und der Marine davon segelte, drückte Shanks den Stein fest an seine Brust. Er wusste um die Bedeutung des Steines, war es ein sichtbares Zeichen dafür, dass Taleas Lasten von ihren Schultern genommen wurden und sie die Akagami-Piraten als Freunde betrachtete.

Schnell hatte das Marine-Schiff aufgeholt und der Korvettenkapitän hatte die Grünhaarige Piratin an Deck ausgemacht. “Sobald wir hinter der Klippe sind, damit uns die Zivilisten nicht mehr sehen, greifen wir das Schiff an. Macht die Kanonen schussbereit.”, gab er den Befehl. Kaum war das Schiff um die Klippe herum gesegelt, musste der Korvettenkapitän feststellen, dass das Piratenschiff sich in den Wind gesetzt hatte und mit wieder großem Vorsprung, aufs offene Meer segelte. “Verdammtes Piratenpack!”, fluchte er, denn Shanks und seine Bande waren auch außerhalb der Kanonenreichweite.

In einer Felsspalte ausharrend, beobachtete Talea, wie sich sowohl das Piraten- als auch das Marineschiff, immer weiter von der Insel entfernten. Und erst, als keine Segel mehr am Horizont zu sehen waren, verließ die Grünhaarige ihr Versteck um sich auf den Weg zu Dadans Berghütte zu machen. 

Im Wald war es bereits stock finstere Nacht und Talea fand mehr schlecht als recht den Weg zu Dadans Hütte. Endlich an ihrem Ziel angekommen, musste sich die Grünhaarige zusammen reisen, um nicht laut los zu lachen, denn Dadan lag mit dem Rücken am Boden und machte jede noch so kleine Bewegung von Mara nach. “Was wird das? Baby-Yoga?”, wollte Talea dann aber doch prustend wissen, als Mara ihre Füßchen packte und Dadan es ihr versuchte, gleich zu tun, aber nur zur Seite wegkippte.

Mühevoll richtete sich die Bergräuberin auf und klopfte sich den nicht vorhandenen Staub aus den Kleidern. “Lach du nur, aber das ist wertvolle Entwicklungsarbeit die ich hier leiste.”, sprach Dadan und ging vor die Türe, um sich eine Zigarette anzuzünden. “Vielen Dank, dass du dich die letzten Tage um meine kleine Motte gekümmert hast.”, bedankte sich Talea auch bei der Räuberin. Und der ehemaligen Piratin war bewusst, dass sie ohne die Hilfe von Dadan, Shanks, Makino und all den Anderen jetzt nicht hier stehen würde. “Nicht dafür. Immerhin hast du mir eine Enkelin geschenkt.”, schmunzelte Dadan.

Bewusst atmete Talea tief ein und aus, denn das, was sie als nächstes sagen würde, viel ihr unglaublich schwer. “Es war eine dumme Idee, zu glauben, ich könnte mit Mara hier ein ganz normales Leben führen und das Piratendasein hinter mir lassen. Damit hab ich nicht nur die Leute aus dem Dorf in Gefahr gebracht, sondern auch meine kleine Motte. Und solange ich hier bin, werdet ihr immer in Gefahr schweben. Vielleicht wäre es das Beste für Mara, wenn sie hier ohne mich aufwachsen kann.” Wütend blies Dadan den Zigarettenrauch aus der Nase. “Red keinen solchen Unsinn. Du bist ihre Mutter und du wolltest nur das Beste für dein Kind. Es liegt einzig und allein an dieser beknackten Weltregierung und ihren verdrehten Idealen, dass dir eine friedliche Zukunft verwehrt wird. Aber wir werden für dich und Mara kämpfen, komme was wolle. Und jetzt komm, du hast heute bestimmt noch nichts gegessen.”, damit drückte Dadan ihre Zigarette aus und schob Talea zurück in die Hütte, wo sie eine Schüssel mit gebratenem Reis in die Hände der Grünhaarigen drückte.

Natürlich waren die Bewohner des Windmühlendorfes erstaunt gewesen, als Talea am Morgen nach ihrer Abreise mit ihrer Tochter auf dem Arm, ins Dorf spaziert kam, als sei nichts geschehen. Es hat ein bisschen gedauert, aber mit Hilfe von Makino, hat Talea das kleine Täuschungsmanöver aufgeklärt. Wegen der kleinen Scharade war jedoch keiner böse, immerhin tat Talea das ja auch, um die Bewohner des Dorfes zu schützen.

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* Lied: Aloha ‘oe  — aus dem Film Lilo und Stitch